Walpurgisnacht

Vor mir sitzt Emily, the Strange. Wie aus einem Tim Burton Film. Sie guckt verschüchtert aus dem Fenster. Dahinten sitzt eine Modestudentin. Lauter Fetzen hängen ihr vom Laib. Hat ganz viele Locken. Bin mal wieder schrecklich besoffen. Weiter hinten sitzt eine, wie eine Frau nicht sitzen sollte. Zerfetzte Jeans, breitbeinig, ein riesiger Hund liegt vor ihr. Ich kotze.

Hauptbahnhof. Zehntausendmillionen Stimmen entern meinen Verstand. Ich verstehe kein Wort. Vor mir sitzt ein Fahrlehrer. Verbraucht. Alles – die Haut, die Augen, der Bart. Raucher. Kackrotbraune Jacke, schlecht sitzende, blaue Jeans, furchtbar braune, riesige Schuhe – nicht zu glauben. Neben mir löst eine Frau (möchtegernmodebewusste Erzieherin) Kreuzworträtsel. Kreuzworträtsel sind schlimmer als Günther Jauch. Kreuzworträtsel sind die Weltliteratur der Armen.

Wie auch immer.

Ein so ein Wichser fickt mich in den Arsch. Der steht so nahe hinter mir, dass ich seinen kleinen Schwanz fühle. Ich kotze (mal wieder).

Blauer Himmel. Lila Wolken. Gelber Horizont. Es ist so romantisch. Aber in den Arsch gefickt (Autokorrektur, gefickt, Gedicht, auch schön, romantisch) werden will ich trotzdem nicht. Eine große Weide streckt sich in den Himmel. Schön ist das.

Nur Freaks im Bus. Gegenüber sitzen zwei Geile. Sie fassen sich in die Haare. Die eine trägt eine Leggings aus Blumen. Hat aber viel zu kurze Haare. Ich kannte mal eine, die hatte kurze Haare. Dann hat die lange bekommen und sah gut aus. Vor mir sitzt eine, die ist Marilyn Manson. Er hat Brüste bekommen. Nein, The Cure. Was soll das hier alles? Habe ich etwas verpasst? Selbst ihr Telefon ist schwarz. Ach, die sind alle schwarz. Neben mir sitzt eine, die hat Schnupfen. Sonst nichts. Also ihre Nase sieht so aus. So zu. Und kleine Augen hat die. Irgendwie süß. Vielleicht hat die eine Allergie. Vielleicht hat sie auch Krebs. Kacke, schon wieder hat mich eine erkannt. Was haben die alle?

Ja, rede wie eine Alte, du wirst noch alt genug.

Ach heute ist Walpurgisnacht. Oder Tanz in den Mai oder wie das heißt.

Schweigen ist tot

Da steht sie wieder, eine mit Boots. Das darf doch wohl nicht wahr sein. Da kann sie ja gleich nackt rumlaufen. Da hätten wir dann alle mehr davon. Trägt ihre Haare so schön streng nach hinten. Dann sehe ich die nicht mehr, weil mindestens zehntausend Leute reinkommen. Eine Alte mit Rastas, wer soll ihr das denn bitteschön abkaufen? Florian Jesus vielleicht.

Hauptbahnhof. Alle steigen aus. Alle steigen wieder ein. Eine, die sehe ich nur im Profil. Sieht ganz gut aus.
»Darf’s sonst noch was sein?«
»Eine Frontansicht bitte.«
»?«
»Könnte ich vielleicht einmal ihre Frontansicht zu Gesicht bekommen?«
»Wie bitte?«
Die zeigt sich mir einfach nicht. Wie bei Picasso, da gucken auch alle immer nur zur Seite, obwohl sie einen angucken. Die guckt mich an, und trotzdem sehe ich nur ihre Silhouette.
Doch dann, auf einmal – sie dreht ihr Gesicht, erst ganz langsam und dann immer schneller. Die Enttäuschung könnte nicht größer sein. Durchschnitt. Maximal. Von der Seite sah die so gut aus. Aber von vorne, oneinonein.

Stehe hier am Bus und warte. Minuten, Stunden, es ist fürchterlich. Meine Finger frieren ab. Der Winter geht seit fünfhundert Jahren. Jürgen Kachelmann, Jörg, oder wie das heißt, sagt, das ist der düsterste Winter seit sechszig Jahren. Das muss man sich mal vorstellen, kann sich kein Mensch vorstellen. Der mit seinen Frauen und so weiter. Sind ja alle nur neidisch. Was hat denn das mit dem Wetter zu tun? Der kann doch auch nichts dafür. Sagt doch auch seine Frau, bei Jauch und so. Die sagt das doch so. Die liebt ihren Jörg, da kann man nichts sagen.

Der 3er fährt, so ein Gelenkbus. Der längste Bus der Welt oder so. Eine schöne Sache ist das. Aber er bringt mich weder nach Haus, noch sonst wohin. Dafür hält ein Auto und hupt in die Nacht.
»Digger, was stresst du? Komm rein!«
Leider redet er nicht mit mir. Oder besser. Ich erfriere. Der 3er Gelenkbus kommt kommt schon wieder! Hallo? Ich brauche den 124er. Ihr da oben, ihr seid wieder so lustig! Auf der anderen Straßenseite hupt schon wieder einer. Hallo? Habe ich irgendwelche Schwierigkeiten (außer, dass ich meine Finger nicht mehr bewegen kann)?

Der Bus, hurra, ich sitze. Ich kann ja auch nichts dafür, aber die lacht, als ob sie verreckt. Die neben mir verreckt an einem Telefon, ich glaube es nicht: »Hahahahhhhhhh hh hhhh.« »Jetzt sag mir, was du meinst.« »Ich wusste es.« »Hahahhhhhhh hh hhh.« »Das ist so ’ne richtige Aggroscheißaktion« »Hhhhhh hh hhhhhhh…«, Schweigen. Sie ist tot.

Vor mich setzt sich eine, die ist äußerst gut gekleidet. Enge, graue Chino, navy-farbener Parka (aber nicht so ein Oversized – furchtbar), braune Stiefel, super. Und sie sitzt wie eine Dame. Dabei ist sie noch gar nicht so alt. Fabelhaft.
»O ne, Britta weiß das jetzt auch schon?« »Hhh hhhhhhhh.«, sie lebt ja doch noch.
Angenehm höflich, ja geradezu verlegen, guckt sie durch die Abscheulichkeit des Busses. Wie ein scheues Reh. Oder ein kleines Babypferd (wie heißt das denn?, Fohlen oder so). Sie sitzt da und tanzt Ballet, leichtfüßig und grazil, ihre Tasche ist vornehm und teuer. Die passt hier nicht her. Es tut mir so Leid für sie. Sie müsste auf Händen getragen werden. Alles andere wäre inakzeptabel. Neben ihr sitzt ein so ein Breitbeiniger. Keinen Anstand hat der. Das darf nicht wahr sein. Aber sie hat auch Schnupfen. Wie ich. Wie romantisch. Ihre Lippen erregen mich. Sie atmet durch den Mund. Dann schnupft sie ihre Nase. Selbst das ist ein Feuerwerk der Sinnlichkeit. Wo steigt sie wohl aus? Vielleicht mit mir? Hallo, ich bin doch nicht Jörg Kachelmann.

Mein Spiegelbild sieht aus wie ein Totenkopf, so kurz bevor man stirbt. Habe ja auch schließlich Schnupfen und muss durch den Mund atmen. Da holt man sich alles. Auch Geschlechtskrankheiten.

Rettungswageneinsatz

Sitze so da und sehe nur Augen. Hoffnungsvolle, verzweifelte, geschlossene, wache, nervöse und suchende, und frohe und verlorene. Jede Augen erzählen ihre ganz eigene Geschichte. Und ich sitze so da und freue mich einfach, dass die Bahn fährt. So einfach kann das Leben sein. Ganz komisch ist das.
»Meine sehr verehrten Damen und Herren, eine Durchsage: Aufgrund eines Rettungswageneinsatzes verkehrt dieser Zug nur bis Hauptbahnhof.«
– – –
Ich hege Gedanken, die sind nicht schön. Die sind so schlimm, dass ich aufhöre zu denken. Reagiere nur. Zug hält. Türen rattern. Steige aus. Sehe Menschen. Höre Dinge.
»Richtung Bergedorf, zurückbleiben bitte.«
Sehe Menschen. Sehe Verzweiflung. Sehe Hoffnung. Sehe Ratlosigkeit. Steige in die Bahn. Die anderen auch. Die Bahn fährt weiter. Und ich kann langsam wieder denken.
»Ja, also…«
»Wissen wohl auch nicht, wasse wollen.«
»Also, also…«
»Einfach sitzenbleiben.«
Das war so ein Spaßvogel, so ein Sadist, so einer, der auch dieses Piiiiiieppiiiiieppiiiiiiep in der Bahn entworfen hat, so einer, der genau weiß, dass seine Opfer keine Chance haben. So einer, der als kleiner Junge auch immer schwachen Fliegen die Flügel abgerissen hat. Ist einfach so. Der Zusammenhang ist klar. Sagt auch das TV. Bei Jauch oder weiß der Teufel wem (Wie heißt dieser neue SternTv Moderator noch? Interessiert ja keinen Menschen.) haben die auch gesagt, dass die Wissenschaft sagt, dass kleine Jungs, die in der Kindheit Insekten oder Tiere gequält haben, als Erwachsene Mörder werden. Soviel dazu.

Vor mir sitzt so ein ganz Lässiger. Schaut so von oben herab. JA, meine Uhr ist nicht von Patek Philippe und mein Jacket auch nicht von Boss. JA, du kannst wen anders demütigen. Locken, beige-farbenes Hemd, Schal, gelbe Hose, umgekrempelt natürlich, schöne Schuhe. Bleib doch! Jetzt fängst du gerade an, mir zu gefallen. Aber wer bin ich?

Einer labert einen voll, den ich kenne. Der will seine Ruhe. Mist, den, der labert, kenne ich auch. Scheint ein Witzbold zu sein. Dem anderen ist nicht zum Lachen zumute. Redet was von Scrum und Managern und so. Der lacht die ganze Zeit. Der andere lacht nicht. Der wird richtig laut. Ich schreibe einfach weiter. Das sieht wichtig aus. Ich habe zu tun, ich habe zu tun.

Eben habe ich noch eine gesehen, die wäre bei dem Zugführer genau richtig aufgehoben. Da braucht man Kink nicht weiter. Der Typ hat es ganz anders drauf. Die hat knallrote Haare. Wie die Bahn. Da muss es einen Zusammenhang geben. Bahn, Kink.