Platzangst

Wild wuchernde Ödnis soweit das Auge reicht. Die Menschen sind angewidert angesichts der Tatsache, dass sie im Bus sitzen müssen. Die klimaanlagengeschwängerte Luft ist so trocken, dass meine Lunge brennt. Offene Münder, verbrauchte Gesichter. Ich schreie. Zur Hölle mit dem Winter. Es ist April.
Ton in Ton, alles sand, ocker. Ein dunkelhäutiger Schönling steigt ein. Schön ist der. Manchmal frage ich mich, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich so schön gewesen wäre. Vielleicht hätte mich die Pornodarstellerin mit der gigantischen Pelzmütze, die gerade eingestiegen ist, bemerkt.

Alles, nur keine Kinder in der Bahn.
Manchmal schwappt ein Schwall kühler, frischer Luft herüber. Ich hänge mich an ihn wie die letzte Hoffnung auf Rettung. Erlöse mich, du tust so gut. Ich kann atmen.

Vor mir steht eine – ja, ich stehe, wie eigentlich fast immer in den völlig überfüllten Bahnen, aber nein!, ihr da oben habt ja keine zu vollen Bahnen, nein, wir hier unten in den Bahnen aber schon, da bekommt jeder, der nicht von allen guten Geistern verlassen ist, sofort Platzangst –, die hat Lippen, ich lass das jetzt, ich muss gehen. Meine Hose brennt.

Neben mir sitzt eine Pornodarstellerin. Sie ist Anfängerin, hat noch nicht diesen Blick. Vor mir sitzt eine, die ist auch schön. Ist aber keine Pornodarstellerin. Auch keine Anfängerin. Höchstens ein bisschen. Ein junger BWLer sitzt neben ihr. Widerlich. Karohemd, Bubikopf (also nicht die Frisur, sondern das Gesicht, so ein Jungsgesicht, so eins, o, du bist aber süß; da ist er aber zu alt dafür) – das reicht doch.

Die Pornodarstellerin (Anfängerin) steigt aus. Sie hat einen verdammt geilen Arsch. Und so eine Pferdehose an, so eine, die hinten rum dunkler ist als vorne (in den meisten Fällen schwarz). Ich verspüre Blasendruck. Weiter vorne sitzt eine, die ist – ich weiß nicht wie die heißt – ein rothaariges Model. Die hab ich schon bei ffffound gesehen. Und dann war die bei H&M. Aber eigentlich ist sie wer ganz anderes.
Grinst dieser BWLer einfach irgendwen an. Alter, hier ist keiner. Vielleicht grinst der sich einfach im Fenster (Spiegel) selber an. Wichser. Was für ein Wichser. Wer grinst sich denn bitte selber an?
»Hey Wichser, hier ist dein Spiegelbild. Du siehst ja geil aus. Geil, so glattgegelt, smooth und so.«

Wenn ich rausgucke, sieht es aus wie Weihnachten. Alles dunkel. Nur die Fenster leuchten.

Schon einen Neuen

Morgens der alltägliche Kampf um einen Platz in der Bahn. Immer. Ist einfach so, das ist so, seit die Welt eine Kugel ist. Da muss es auch einen Zuammenhang geben. Da bin ich mir ganz sicher.

Ganz links sitzt eine, die ist zu groß. Aber schüchtern ist die. Ihr Macker ist so ein Borstenkopf. Zu viele Haare, zu wenig Gehirn. Aber eine Brille hat der. Er will sie die ganze Zeit, sie findet es peinlich. Sieht man sofort. Na wenigstens das bisschen Anstand hat sie ja. Er betätschelt sie die ganze Zeit, sie will immer noch nicht (das ist ja widerlich). Das gibt einfach so Kerle, die merken nicht, dass sie verloren haben, immer. Tut mir ja Leid, das so sagen zu müssen, ist aber so. Der grinst die ganze Zeit, merkt das noch nicht mal, und grinst sie auch die ganze Zeit an. Sie WILL nicht. Jetzt versteh das doch!

Sie kann sich aus seinen Klauen befreien, reißt ihre Finger aus seinen, episch! Endlich. Das hält man ja im Kopf nicht aus. Aber da hat er sie schon wieder. Und grinst. Herrje, dieses Kackgrinsen macht einen ganz aggressiv! HÖR doch mal auf zu grinsen! Das ist so ein Bubikopf, kein Haarschnitt im eigentlichen Sinne. Habe Magenschmerzen, weil der so grinst. Das muss man sich mal vorstellen, kann sich kein Mensch vorstellen, das ist wie mit China und dem Sack Reis (oder so).

Berliner Tor gleich. Scheiße.

O mein Gott, er geht und küsst sie auf den Mund. Dreht sich dann aber nicht um. Besser für ihn, sie guckt schrecklich angewidert. Vielleicht ahnt er etwas. Sie holt gleich ihr Handy raus. Alles klar, hat schon einen Neuen.