Gut gegen Böse

Dahinten sitzt einer, der ist riesig. Alles schwarz. Schwarze Mütze, schwarzer Mantel, schwarze Sonnenbrille. Weiße Haut. Er ist es. Er ist der menschgewordene Gottgeist der Mafia. Neben ihm sitzt sein Protektor (kann man das so sagen?), also sein Schutzdämon oder so. Der zuckt die ganze Zeit mit seinem Kopf. Spürt irgendetwas. Vielleicht hat er auch nur Torret. Hauptbahnhof. Alle steigen aus. Auch der Gottgeist. Ich hoffe sehr, dass Jesus (Florian) auch am Hauptbahnhof ist. Sonst wird die Menschheit, oder zumindest Hamburg, heute etwas erleben – wahrscheinlich das Ende. Wie wird es sein, wenn der Kampf zwischen Gut und Böse in Hamburg seinem Finale entgegenblickt?

Zwei Schwarze machen beim Sprechen immer so lustige Geräusche. Ich glaube, sie leben in einer anderen Welt. Ich glaube, sie werden den Kampf zwischen Gut und Böse überleben. Die haben eine andere Zeit. Heute hier, morgen da. An sowas kommt weder das Gute, noch das Böse ran. Aber was ist mit der SM-Pornodarstellerin in dem anderen Wagon? Würde sie den Kampf überleben? Was würde Jesus von ihr sagen? Ich weiß es nicht.
»Schick.«, Jesus.
»Danke.«, SM-Pornodarstellerin.
»Ich fürchte, es geht zu Ende.«
»O.«
»Ja.«
»Und jetzt?«
»Deine letzten Worte?«
»Deine letzten Worte?«
»?«
»Was sind deine letzten Worte an mich, Jesus?«
»…«
»O, das waren jetzt schon zwei Mal die letzten Worte.«
»Neinnein, schon gut.«
»Das ist aber langweilig.«
»?«
»Na wenn das deine letzten Worte waren, ich weiß auch nicht – o, jetzt hab ich schon wieder geredet.«
»… ? …«
»Mh.«
»Also – Gedanken im Kopf: Ich würde dir auch gerne eine Frage stellen, aber deine letzten Worte sind ja rum –, …«

Da beginnt der Kampf, und das Ghetto Nettelnburg brennt lichterloh. Die Blocks stürzen ein, und im Vordergrund zieht Jesus die SM-Pornodarstellerin zu sich und sagt: »Steh auf und geh.«
Dann geht sie. Und wird von einem Feuerball zerschmettert.

Ich weiß nicht, ob der BWL-Praktikant (Trainee bei Grossmann & Berger) neben mir überleben wird. Hat lange, nach hinten gegelte Haare. Kann nur da arbeiten. Ich glaube, Jesus allein würde ihm vergeben.

Abluft

Ein so eine Geile sitzt da. Mit so einer Pornosonnenbrille (sind die noch in?). Es ist Sommer. Na ja, nicht ganz. Weiter hinten sitzt eine, ich weiß nicht, ob die Mann oder Frau ist. Sieht irgendwie geil aus. Aber irgendwie auch maskulin. Die mit der Sonnenbrille starrt mich an, weil ich die ganze Zeit auf mein Telefon einschreibe und aufrecht dasitze. Ja, lehne mich nämlich nicht an, weil ich einen nassen Rücken habe. Bin eben arschweit mit dem Fahrrad hergefahren. Ihre verspiegelten Gläser lassen vermuten, dass sie die Augen zu hat. Aber ich seh dich. Du starrst immer noch.

Jetzt sehe ich die, die Mann und Frau ist nicht mehr. Da steht jetzt so ein Deformierter. Sieht ganz traurig aus. Die Augen liegen zu weit auseinander. Froschaugen. Hat etwas von der Mafia. Trägt eine Aktentasche bei sich. Da könnte auch eine Waffe drin sein. Oder ein Kopf. Oder ein Stück Beton, das er braucht, um damit jemanden an einer Kette verbunden im Meer zu versenken. Er trägt ein Einstecktuch. Schick. Farblich mit seinem Hemd abgestimmt. Kann man machen. Auch wenn es sehr konform ist.

Vor mir hat mich eine angehustet. Wenn die das noch E-I-N Mal macht, schlage ich die tot! Die hat sich die Hand davorgehalten. Hat aber nichts genützt. Ihr bakterienverseuchter Atem, ihre speichelgeschwängerte Abluft hat sich direkt in mein Gesicht manifestiert. Ich kotze. Ich hasse. Kann es so schwer sein, sich vernünftig die Hand vor den Mund zu halten?

Sehe schon wieder echt geil heute aus. So mit Weste und so weiter. Kein Wunder, dass die neben mir, die mich an meine erste Ex (meine erste große Liebe – na ja) erinnert, mich die ganze Zeit anstarrt. Auch die mit der Sonnenbrille starrt immer noch. Hat geile, volle Lippen. Die neben mir nicht so ganz. Dafür hat die andere Vorzüge – geile Beine in einer engen Hose (blau, Chino). Die guckt die ganze Zeit auf mein Handy. Ja, guck ruhig, du bist nicht die Einzige für mich. Da gibt es mehr.

Am Ende steht ein Lagerarbeiter. Wenig Haare, schlabberiger Pullover (gestreift), schlabberige Hose, schlabberiges Gesicht. So ein Tim Melzer Bart. Unfassbar. Hat eine ganz knubbelige Nase. Und vor lauter Langeweile hat er jetzt schon einen Buckel.

Hauptbahnhof. Eine steigt aus, die darf es nicht geben. Hat einen Körper, der ist Gott. Ablenken – ich starre einer genau zwischen die Beine – o nein o nein, aber das kann die auch nicht machen. Sitzt breitbeinig da, und hat eine dermaßen enge Hotpants an, dass ich Platzangst bekomme. Oder ihre Yoni viel mehr (kann man das so sagen?). Ansonsten sieht die kackdämlich aus. Enge Augen.

Vor lauter Aufregung hätte ich fast übersehen, dass ich gerade das erste Mal seit mindestens einem halben Jahr eine völlig erholsame Bahnreise hatte. Schön ist das.

Aber – überall nur Studenten. Wo ist die Mafia, wenn man sie braucht?