Schweigen ist tot

Da steht sie wieder, eine mit Boots. Das darf doch wohl nicht wahr sein. Da kann sie ja gleich nackt rumlaufen. Da hätten wir dann alle mehr davon. Trägt ihre Haare so schön streng nach hinten. Dann sehe ich die nicht mehr, weil mindestens zehntausend Leute reinkommen. Eine Alte mit Rastas, wer soll ihr das denn bitteschön abkaufen? Florian Jesus vielleicht.

Hauptbahnhof. Alle steigen aus. Alle steigen wieder ein. Eine, die sehe ich nur im Profil. Sieht ganz gut aus.
»Darf’s sonst noch was sein?«
»Eine Frontansicht bitte.«
»?«
»Könnte ich vielleicht einmal ihre Frontansicht zu Gesicht bekommen?«
»Wie bitte?«
Die zeigt sich mir einfach nicht. Wie bei Picasso, da gucken auch alle immer nur zur Seite, obwohl sie einen angucken. Die guckt mich an, und trotzdem sehe ich nur ihre Silhouette.
Doch dann, auf einmal – sie dreht ihr Gesicht, erst ganz langsam und dann immer schneller. Die Enttäuschung könnte nicht größer sein. Durchschnitt. Maximal. Von der Seite sah die so gut aus. Aber von vorne, oneinonein.

Stehe hier am Bus und warte. Minuten, Stunden, es ist fürchterlich. Meine Finger frieren ab. Der Winter geht seit fünfhundert Jahren. Jürgen Kachelmann, Jörg, oder wie das heißt, sagt, das ist der düsterste Winter seit sechszig Jahren. Das muss man sich mal vorstellen, kann sich kein Mensch vorstellen. Der mit seinen Frauen und so weiter. Sind ja alle nur neidisch. Was hat denn das mit dem Wetter zu tun? Der kann doch auch nichts dafür. Sagt doch auch seine Frau, bei Jauch und so. Die sagt das doch so. Die liebt ihren Jörg, da kann man nichts sagen.

Der 3er fährt, so ein Gelenkbus. Der längste Bus der Welt oder so. Eine schöne Sache ist das. Aber er bringt mich weder nach Haus, noch sonst wohin. Dafür hält ein Auto und hupt in die Nacht.
»Digger, was stresst du? Komm rein!«
Leider redet er nicht mit mir. Oder besser. Ich erfriere. Der 3er Gelenkbus kommt kommt schon wieder! Hallo? Ich brauche den 124er. Ihr da oben, ihr seid wieder so lustig! Auf der anderen Straßenseite hupt schon wieder einer. Hallo? Habe ich irgendwelche Schwierigkeiten (außer, dass ich meine Finger nicht mehr bewegen kann)?

Der Bus, hurra, ich sitze. Ich kann ja auch nichts dafür, aber die lacht, als ob sie verreckt. Die neben mir verreckt an einem Telefon, ich glaube es nicht: »Hahahahhhhhhh hh hhhh.« »Jetzt sag mir, was du meinst.« »Ich wusste es.« »Hahahhhhhhh hh hhh.« »Das ist so ’ne richtige Aggroscheißaktion« »Hhhhhh hh hhhhhhh…«, Schweigen. Sie ist tot.

Vor mich setzt sich eine, die ist äußerst gut gekleidet. Enge, graue Chino, navy-farbener Parka (aber nicht so ein Oversized – furchtbar), braune Stiefel, super. Und sie sitzt wie eine Dame. Dabei ist sie noch gar nicht so alt. Fabelhaft.
»O ne, Britta weiß das jetzt auch schon?« »Hhh hhhhhhhh.«, sie lebt ja doch noch.
Angenehm höflich, ja geradezu verlegen, guckt sie durch die Abscheulichkeit des Busses. Wie ein scheues Reh. Oder ein kleines Babypferd (wie heißt das denn?, Fohlen oder so). Sie sitzt da und tanzt Ballet, leichtfüßig und grazil, ihre Tasche ist vornehm und teuer. Die passt hier nicht her. Es tut mir so Leid für sie. Sie müsste auf Händen getragen werden. Alles andere wäre inakzeptabel. Neben ihr sitzt ein so ein Breitbeiniger. Keinen Anstand hat der. Das darf nicht wahr sein. Aber sie hat auch Schnupfen. Wie ich. Wie romantisch. Ihre Lippen erregen mich. Sie atmet durch den Mund. Dann schnupft sie ihre Nase. Selbst das ist ein Feuerwerk der Sinnlichkeit. Wo steigt sie wohl aus? Vielleicht mit mir? Hallo, ich bin doch nicht Jörg Kachelmann.

Mein Spiegelbild sieht aus wie ein Totenkopf, so kurz bevor man stirbt. Habe ja auch schließlich Schnupfen und muss durch den Mund atmen. Da holt man sich alles. Auch Geschlechtskrankheiten.

Bang Your Friends

Endlich mal wieder besoffen. Musst du dich neben mich setzen?
»Yeahour allright, na dann bis Mosche.«, ?
Gibt es Menschen, die noch fertiger sind als ich?
»Ausstieg links!«
Jawohl, Herr Obergefreiter.
»Uaaah!«, einer redet mit seinem Kaffee to go und lacht sich ins Fäustchen.
Müssen diese Bahnsprecher eigentlich diesen Militärton haben? Könnten doch auch sagen: »Zu ihrer Linken könnten sie jetzt aussteigen, wenn sie mögen.« Aber nein, alles eine ganz große Scheiße. Die anderen lachen alle. Was ist passiert?

Bin völlig orientierungslos und weiß gar nicht, wie ich zum Bus kommen soll. Einer, der aussieht wie ein Hipster, fragt mich, ob ich ihm in seiner finanziellen Not helfen könnte. Dann finde ich doch die Haltestelle. Aber selbst nach dem zwanzigsten Bus fährt meiner immer noch nicht. Nur fragende Gesichter und offene Münder. AK, Siri, habt ihr eine Erklärung? Lange nichts mehr gehört von euch. Sie haben auch keine Lösung.

8, 36, 112, 3 – was sagen mir diese Nummern? Hat das was mir mir zu tun? Mit den Sternen vielleicht? Florian? Ich weiß es doch auch nicht. Aber die fahren da alle. Nur meiner nicht.

O Gott, meine Kindergärtnerin ist da. Etwas ungünstig, wenn man die ganze Zeit so durch die Gegend guckt. So hier und da hinguckt und so weiter. Dann guckt die nämlich auch mal so hier und da hin und so weiter, und auch zu mir, und dann haben wir den Salat. Dann können aufeinanderfolgende Blickkontakte zu allerlei Komplikationen führen. Vielleicht erzählt sie es weiter. Vielleicht erzählt sie es den falschen Personen. Und vielleicht habe ich dann ein ganz schön großes Problem. Die eine ist noch viel geiler als vermutet. Hab die auch in echt gesehen. Also als sie noch nicht gesessen hat. Also vor dem Bus, bevor wir eingestiegen sind, und nachdem ich nach meiner Orientierungslosigkeit die Bushaltestelle doch gefunden habe. Die Hose sitzt wie angegossen. Jetzt telefoniert die mit einem, um ihr Date klarzumachen. Wie unnötig. Jetzt gibt gibt es doch Bang your Friends von Facebook. Da braucht man doch nicht telefonieren. Lächerlich. Die telefoniert ja immer noch. Sieht ganz schön geil aus beim Telefonieren. O Gott, was redet die da nur? Die lacht die ganze Zeit und bewegt ihre Lippen und so. Ich halte das bald nicht mehr aus. Neben ihr sitzt eine, die ist auch Model. Die hab ich hier noch nie gesehen. Toll ist das. Das ist die Wiedergutmachung von diesem sadistischen Bahnfahrer von gestern. Unfassbar. Und die Kindergärtnerin sieht auch nicht schlecht aus. Aber das ist eine andere Geschichte.

Eine Schwarze mit Frankensteinboots quatscht die ganze Zeit ihr Handy voll. Die sieht auch ganz gut aus. Hat aber einen kleinen Jungen dabei. Ist ja immer so eine Sache. Dann steigt die aus, und der Bus hält vor einer Schranke. Der Busfahrer steigt aus, und die Schranke geht hoch. Ach ja, ein ziemlich cooler Busfahrer übrigens. So ein bisschen wie der etwas ältere Jake von Two and a half Men. Nur noch etwas dicker. Ich wollte schon immer einen dicken oder schwarzen Freund haben. Hat bis jetzt noch nicht so ganz geklappt. Aber vielleicht könnte ich Jake ja irgendwie helfen, damit er auf mich aufmerksam wird. Nein, ich habe keine Lust, mich vor den Bus zu schmeißen. Heute werde ich alleine bleiben.

Ein alter Mann mit Camouflage-Hose und acht Nummern zu großer Trainingsjacke steigt aus. Seine Mütze ist acht Nummern zu klein, und er trägt Sandalen. Wie kann der nur? Es sind zehntausend Grad Minus draußen. Außerdem ist Sturmflutgefahr.

Kommt einer rein, der sollte eine Frau sein. Der sieht so gut aus. Also auch im Gesicht. Also gerade im Gesicht. Männer mit schönen Gesichtern verunsichern mich. Ich weiß dann immer gar nicht, ob ich die geil finden soll. (Ok, AK, ja, du hast es mal wieder geschafft – geil, Teil, das ist ja nun so platt, aber.) Die telefoniert immer noch. Hallo, was kann denn da so wichtig sein? Ruf mich lieber an. Ich geb dir dann die Nummer von Bang your Friends. Ansonsten könnten wir aber auch einfach reden. Interessiert ja keinen Menschen. Außer die Kindergärtnerin vielleicht. Der liegt das Soziale ja schließlich am Herzen. Dann hört die plötzlich auf zu telefonieren und steigt aus. Ein Satanist steigt auch aus. Was hat das zu bedeuten? Jesus? Oder ist der Typ vielleicht gar kein Satanist? Hat aber doch einen bodenlangen, schwarzen Mantel an. Das geht doch gar nicht anders.
»Jesus, du wettest, dass du mehr als einen Menschen mit einem bodenlangen, schwarzen Mantel findest, der kein Satanist ist.«, Lanz.
»Nein.«, Florian.
»Nicht?«
»Markus.«
»Florian.«
»Nicht einen, Markus.«
»…«

Danach waren wir alle tot. Geil, das Model steigt mit mir aus.

Frankensteins Fuß

Boots sind das Allerletzte. Sehen aus wie abgetrennte Körperteile. Sitzt da eine, die hat Boots an, das darf ja wohl nicht wahr sein. Als ob Frankenstein einen Fuß verloren hätte.
»Hubs, Fuß verloren, ach na ja, ist schon nicht so schlimm. Den kann bestimmt jemand anders gebrauchen.«
»Hui, ein Fuß, prima! Wollte mir sowieso bald Boots besorgen. Na, dann brauche ich nur noch einen. Ist ja eh immer so schwer, zwei gleiche zu finden.«

Ein Deutschlehrer schwelgt in seinen Pornofantasien (Schulmädchenreport 2), ein anderer Typ stirbt gerade. Sein Kopf hängt an einem seidenen Faden bis in die Kniekehlen herab. Pfui Teufel. Da hilft ihm auch seine Jack Wolfskin Jacke nichts. Tut mir Leid.

Muss denn jeder in diesem Scheißbus husten? Ich meine, ist das zu viel verlangt, einfach mal seine Fresse zu halten? – unglaublich. Jeder rotzt und schwitzt und kotzt und scheißt wohin er will. Die nächste Grippewelle kann sich warm anziehen. An die Nase fassen, au ja, auch eine super Idee, und dann alles andere in dem Bus auch noch, damit auch wirklich jedes Bakterium seine Chance bekommt (oder Virus? – weiß der Teufel). Auch der Deutschlehrer kann sich warm anziehen. Noch so eine Grippewelle.