Ornament – totes Haus

IMG_2781

Ich hasse Bauhaus. Ich liebe das Ornament. Stehe da so an der Bushaltestelle und sehe ein Haus, das ist nackt. Glatt. Weiß. Hat keinen Charakter. Blanchet. So der Wein, der allen schmeckt. Schmeckt aber keinem, denn es ist ein Scheißwein. Der Volkswein. Das Auto. Der Wein. So ein Haus ist das. Tot. Ich hasse es. Wer baut denn so was? Die Welt ist doch schon schlimm genug. Da brauchen wir doch jetzt nicht auch noch tote Häuser.
»Nächste Haltestelle: Totes Haus.«

IMG_2835

Das gibt es doch nicht, ich sehe die, aber ich höre die nicht. Ein so eine Frau und der Busfahrer unterhalten sich. Gestikulieren. Reden. Aber ich höre kein Wort. Der Bus ist so unglaublich lang, dass der Schall keine Chance hat, bis zu mir vorzudringen. Bleibt auf halber Strecke liegen. Dabei ist doch kein Mensch da. Mitten in der Nacht fährt ein Dreiundsiebziggelenkbus von 180 Metern Länge durch das Niemandsland. Wie ein Zug. Über das Wasser.

Besoffen. Schon lange.

Dann kommt da wer. Der hat so eine Backstreetboynase. Die Nasenflügel, da stimmt was nicht mit. Kann man schlecht beschreiben, aber die machen mich aggressiv. Netter Junge von Nebenan oder so. Aber seine Nasenflügel machen ihn zu einem Mörder. Denn ich zücke mein Katana-Schwert und schneide ihm das Ding ab. Dabei ist mir die Klinge abgerutscht, und ich habe seinen Hals erwischt. Alles rot. Ein bisschen blöd ist das ja schon. War ansonsten ja ein ganz netter Junge.
Und meine Klamotten sind im Eimer. Die gute Hose.
Ist doch gar nicht Sonntag.

City Süd. Schon wieder. Scheiße.
Wie kann ein Stau denn nur so lang sein? Habe schon graue Haare. Ist wie eine Zeitmaschine. Man sitzt nur da und wird automatisch alt.

Dann. Wie sieht das denn aus? Blankes Bein unter hässlicher Jeans. Bei dem kommt alle Zeit zu spät.

Rache

Da geht einer, der ist schon zu klein, hat aber auch noch Sachen an, die sind auch zu klein. Ein Doppeltzukleiner. Es geht ihm schlecht, aber ich kann ihn nicht mit nach Hause nehmen.

Da sitzt Carmen.
»Roooooobert!«, o mein Gott.
Die redet von Journalismus in den USA. Das muss die verwechseln.
»Da verdiene ich viel zu wenig, ich meine…«, »…Traumtänzerdenken, ich muss ja auch mein Studium finanzieren. Da muss man ja mal die Relation sehen.«, kann nicht sein. Die verwechselt ihr Leben.

Kommt eine rein, die redet wirklich von Carmen, dass die noch was über hat und so. Zufall?

Dahinten sitzt ein Seemann. Der hat Sehnsucht. Nach Meer. Nach was sonst? Der fragt sich die ganze Zeit, was die Bahn mit dem Meer zu tun hat, und was er hier soll. Sympathisch. Dann geht er. Vielleicht ist er auch Gärtner. Auch gut.

Da sitzt eine Ovale. Alles ist oval an der. Oval of Olaz (ha ha). Sie ist ein Orakel. Was sagt sie mir?
»Oval.«
Gut, da hätte ich jetzt mehr erwartet. Vielleicht ist sie auch Hauptdarstellerin im Kabinett des Schreckens, früher wäre die im Zirkus ausgestellt worden.

Jetzt sitze ich da und wetze mein Katana-Schwert. Denn ich habe mal wieder den Bus verpasst. Er ist zu früh gefahren. Der nächste Busfahrer wird also direkt das Schwert in seine Eingeweide gerammt bekommen. Dann, wenn er noch leben sollte, werde ich ihn häuten – auf die mongolische Art und Weise –, und wenn er dann immer noch leben sollte, werde ich ihn enthaupten. Es wird ein Fest. Ob er Schuld hat oder nicht, ist mir egal. Der Bus ist schuld. An sich. Alle Busfahrer sind gleich. So auch alle Busse. Also erfährt er seine gerechte Strafe. Ich habe ja schließlich nichts besseres zu tun, als neben irgendwelchen Idioten an einer scheiß Bushaltestelle im Scheißindustrieniemandsland zu sitzen und auf den Bus zu warten. Vielleicht rufe ich auch den Gottgeist der Mafia und lasse ihn gleich alle öffentlichen Verkehrsmittel im Meer versenken. Gut, da bräuchte man eine Menge Steine, um es stilecht zu gestalten, eine ganze Betonfabrik, aber er würde es schon richten.

Wenn hier wenigstens irgendwelche schönen Frauen stehen würden. Aber nicht mal das kriegt der HVV hin. Es ist zum Kotzen.

Der 130er kommt. Jetzt schlage ich ihm den Kopf ab.
War ganz einfach. Habe auch kein schlechtes Gewissen. Sollte ich öfters machen. Bin nur komplett voll Blut. Gut, dann sollte ich noch mal an meiner Technik feilen. Aber das sollte kein Problem sein.
Mittlerweile habe ich acht Menschen getötet. Denn acht verschiedenste Busse – Modelle, ich dachte, die kommen aus der Zukunft und so weiter – sind gekommen, aber keiner war dabei, der dem Massensterben ein Ende hätte bereiten können. Und so geht das Sterben weiter, bis der Bus kommt, den ich brauche.
(Es ist kein Witz, allein der 3er ist mindestens fünf mal gefahren!) Ich bin derweil ein blutiger Klumpen Fleisch. Aber das stört den nicht, den Erlöserfahrer, der kommen wird. Das weiß ich ganz genau.

Auf einmal schreit ein Hund. Ich kann es nicht anders sagen. Er schreit und brüllt so einen Kerl an, der mit mir das Schicksal teilt, warten zu müssen. Ich nehme das Schwert und zerteile ihn. Jetzt ist er leise. Und ich muss tun, was sonst er immer tat – einen Baum finden.
Nach einiger Zeit bin ich wieder da und sehe, dass der Bus kommt. Jetzt stehen endlich ein paar gutaussehende Mädchen da. Aber – plötzlich, natürlich – kommt der Bus, der richtige, der mit dem Erlöser. Ne o ne, schlechtes Timing, nicht mal das kann der HVV. (Meine Frau sollte wenig später fragen, ob die Gutaussehenden wenigstens mit in den Bus gestiegen sind.) Ich möchte ihn anschreien und fragen, warum alle Busse immer so fahren, dass man sie verpasst.
»Du scheißverfickter, kleiner…«, aber es geht nicht. Er ist einer, ausländischer Abstammung (darf man das so sagen?), und der denkt dann, dass ich was gegen ihn habe. Habe ich aber nicht. Ich habe nur was gegen den Bus.

Dann sehe ich den Deich und meine Magenschmerzen verschwinden.

Medizinische Studien in der S21

Enttäuschung, Verzweiflung, Frustration – der ewige Kampf um den Sitzplatz ist verloren. Für die meisten. Aber nicht für mich. Denn ich habe neulich bei Kill Bill II Karate gelernt. Und so habe ich mein Katana-Schwert gezückt und allen Kontrahenten den Kopf abgeschlagen, so mit Blutfontäne und so (hat dieses Wort schon jemals jemand geschrieben?). Macht man das so im Karate? Sagt man das so, im Karate? Oder bei Karate? Na jedenfalls ist jetzt alles rot, aber ich sitze. Hiro Protagonist hätte das sicher auch so gemacht.

Es ist so voll, dass mir alle Welt beim Schreiben zuguckt. Was denken die jetzt wohl? Voll der Psychopath (Alter!) oder so. Bekomme Platzangst. Die Bahnkörper dringen ineinander. Geht gar nicht anders. Sonst würde nach der ersten Station schon keiner mehr reinpassen. Die eine guckt aber auch schon mal ganz genau hin – ja, ein Handy, genau, ja, so nennt man das.
»Hallo.«, ich schreibe.
»…«, sie antwortet nicht.
»Hallo?«
»…«
»Hallo!«
Nützt nichts, habe alle Satzzeichen durch, Gedankenlesen ist wohl doch nicht so einfach. Ein Ellenbogen materialisiert sich in meinen Kopf, vielen Dank, ich wollte immer schon mal wissen, wie ein Ellenbogen von innen aussieht. Das kann man bestimmt auch bei Knien machen. Dann muss das der Arzt nicht immer erst aufpusten und so (Peng), sondern geht am besten gleich in die S21 und steckt sich da ein Knie in den Kopf. Dann sieht er dann schon, was das Problem ist. Und auch andere medizinische Fortschritt könnte man viel besser in der Bahn erzielen. Man kann sich ja schließlich auch andere Körperteile in den Kopf schieben. Auch psychologische Feldstudien hätten eine ganz andere Grundlage. Panikbewältigung, die schon erwähnte Platzangst, ADS, ADHS, triebhaftes Alles-anfassen-was-nicht-bei-neun-auf-den-Bäumen-ist-Syndrom und so weiter und sofort. All das wären ungeahnte Erkenntnisse, denen wir sonst niemals auf die Schliche gekommen wären. Ein kleiner Schritt für die Bahn, ein großer Schritt für die Menschheit. Danke Bahn. DB.

Hauptbahnhof. Alle steigen aus. Mist alle steigen auch wieder ein. Vor mir sitzt eine, die ist echt geil. Bis auf die peinliche I<3NY-Mütze. Die weiß noch nicht ganz, wo sie hinwill. Mantel, Schuhe, Schal, Strumpfhose – alles noch nicht ganz so gut aufeinander abgestimmt.
»Ey, ich bin aber auch geil!«, eine guckt wieder auf mein Handy, und ich kann ja doch Gedanken lesen.