Acht Nummern zu groß

Draußen, vom Walde komm ich her. Das sagt man doch so, oder? Na jedenfalls wohne ich, wo sonst keiner wohnt. Also hier wohnt kein Arsch. Hier gibt es nicht mal Ampeln. Und auch keine Autos. Hier gibt es nichts. Und trotzdem ist der Bus nicht in der Lage, pünktlich zu kommen. Aber so gar nicht. Das muss man sich mal vorstellen, kann sich kein Mensch vorstellen. Bin arschkrank. Erfriere also, noch bevor der Bus kommt. Dann ist er da. JAJA, ich zeig dir ja schon meine Scheißkarte, du Wichser. Musst gar nicht so glotzen, nur weil ich nicht grüße. Was denkst du denn?
»Ah, danke, dass ich hier gerade erfroren bin, ja natürlich zeige ich ihnen meine Karte. Guten Tag.«, kann der sich abschminken.

Neben mir sitzt einer mit einer Röhrenjeans, nur acht Nummern zu groß. Und auch die Jacke ist acht Nummern zu groß. Dialog Busfahrer, Acht-Nummern-zu-groß-Mann:
»Guten Tag.«
»Guten Tag.«
»Einmal Hauptbahnhof bitte.«
»Ihre Hose ist acht Nummern zu groß.«
»Bitte?«
»Ihre Hose ist acht Nummern zu groß.«
»Was hat denn das mit meiner Fahrkahrte zu tun?«
»Nichts.«
»Ah.«
»Was hat denn die Fahrkarte mit ihrer Hose zu tun?«
»Nichts.«
»Sehen sie.«
Danach waren alle tot. Der Acht-Nummern-zu-groß-Mann war ein guter Freund von Saddam Hussein. Und der ist immer da, wenn man ihn braucht.

Vor mir sitzt eine, die hat die ganze Zeit die Augen zu. Die macht es richtig, die bekommt nichts von dem ganzen Scheiß hier mit. Ist auch nicht zum Aushalten. Überall diese Fressen. Muss man sich mal vorstellen. Ich will doch nur Busfahren und nicht in die Geisterbahn. Du kannst die Augen wieder aufmachen. Wir sind hier nur im Bus. Schön wär’s – nur im Bus.
»Nebendiagonale, setze da ja nur Null rauf.«
»Ja, so trickst du das aus.«
»Schade, hab doch extra Spaghetti Bolognese gemacht.«
»Das würde ich da so nicht reinstecken. Klar, die Flasche, das geht schon, aber.«
»Astra.«

Ich vermisse Y.T.. Das war immer so eine prickelnde Erotik. Und jetzt? Nur Fressen. Nur Gelaber. Was soll das? Ich meine, ich will doch nur Busfahren. Ich brauche meine Ruhe. Ich kann das einfach nicht. Morgens und so viele Menschen. Oder nach der Arbeit. Oder Abends. Also ich weiß auch nicht. Einer guckt, als ob er mich kennt. Kennt mich aber nicht. Vergiss es.

Vor mir sitzt eine, die hat keine Haare. Also nur auf der eine Seite. Auf der anderen hat die die sich wegnehmen lassen. Irgendwie geil. Ist so ein bisschen asia und so. Hat was. Ich kann mir kaum vorstellen, was der Busfahrer gesagt hätte.

Stockduster

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Stockduster in diesem Scheißbus. Glaube, Saddam Hussein ist hier. Das Licht geht wieder an. Er ist es. Ihm hängen Schläuche aus dem Mund. Er sollte seine Kopfhörer nicht in den Mund stecken. Oder ist das so eine Art Zündungsmechanismus? Weiß der Teufel, er spricht etwas in die Kopfhörer. O Gott, es geht los. Ich will noch nicht sterben. Die Bombe geht hoch, wenn er drei Mal draufbeißt.

Dann sitzt da noch so eine Alte, so eine, die nicht alt sein will. Gut, das will keiner, aber der sieht man das an. Ist nicht jung, denkt auch nicht jung, denkt aber, sie ist total jung. Mein Gott, mach die Beine zu! Kann man das so sagen? Also jedenfalls sitzt die total breitbeinig da. Die geht, Glück gehabt. Plötzlich setzt sich Sadam da hin. O je, was hatten die miteinander? O, dein Hintern, dein Hintern, schöner als tausend Rehe bist du für mich. Ich setze mich in deine Sitzabdrucküberreste und sprenge mich nur für dich in die Luft. So mache ich das. Jetzt nuckelt der an seinem Kopfhörer, ist nur noch eine Frage der Zeit.

Ein kleiner Beamter sitzt neben zwei allerbesten Freundinnen, aber keine ist die Schöne. Es zieht, ich ziehe mir meinen dämlichen Loop in die Fresse, muss es denn immer ziehen in diesen (gott)verdammten Bussen? Ein Zyklop mit zwei Augen starrt stoisch geradeaus. Ich habe Angst vor ihm. Mehr als vor Saddam, weiß auch nicht, das ist einfach so. Aber weniger als vor der Pornodarstellerin, die mit einem rumhängt, der rote Jogginghosen trägt. Der hat ja die Kontrolle über sein Leben verloren. Ja, so ist das Karl. Das sind die Allerschlimmsten. Jetzt liest der Beamte ein Buch (zweitausend Seiten). Was soll das denn?

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Eine Blonde setzt sich neben eine Blonde, das ist jawohl ein Witz. Das sind keine besten Freundinnen, aber beide sind schön. Wer braucht da Freundschaft? Die reden aber miteinander. Wen interessiert das? Will man bei Deep Throat Weltliteratur lesen? Ich weiß auch nicht, was die machen. Vielleicht überlegt es sich Saddam noch mal. Vielleicht will er nur mich töten, starrt mich die ganze Zeit an. So eine andere Kleine starrt mich auch die ganze Zeit an. Hat mich erkannt. Oder so. Scheiße, sehe echt dämlich aus mit meinem Loop in der Fresse. Aber das stört die nicht, na die eine Blonde. Die guckt auch. Die ist traurig, die braucht Beischlaf oder so. Dann würde die nicht immer so traurig gucken. Aber so – neone. Die will es aber auch, das sieht man einfach, so ein laszivlüsterner Blick. Ich kann mich nicht entziehen, das ist Zwangsenteignung meiner inneräußerlichen Lendengegend. Beide steigen aus, an derselben Haltestelle, o mein Gott, ich will nicht wissen, was die jetzt tun. Doch.

Dann sind wir alle tot.