Signalstörung Public Humiliation


Geil, die scheißverfickte Bahn fährt mal wieder nicht, weshalb ich den Bus nicht bekomme, weshalb ich eine Stunde in der Stadt umherirren darf, weshalb ich erfrieren werde, weshalb ich definitiv in den nächsten Minuten sterben werde. Vor mir ist eine, die will mich. Das sieht man einfach. Die sieht auch ganz gut aus. Obwohl ich Schnupfen habe.
»Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich wiederhole die Durchsage: Aufgrund einer Signalstörung zwischen den Haltestellen Sternschanze und Dammtor verzögert sich die Weiterfahrt um einige Minuten.«
Ich will dir mal was sagen: »Aufgrund einer Signalstörung zwischen den Nervenenden meines Gehirns und meiner Faust verzögert sich deine Weiterfahrt um einige Jahrzehnte.«, du Wichser.

Piiiiiieppiiiiiiieppiiiiiiiiep. Piiiiiieppiiiiiiieppiiiiiiiiep. Es geht weiter. Für wen ist dieses grässliche Piiiiiieppiiiiiiieppiiiiiiiiep? Blinde müssen doch jetzt nicht auch noch taub werden. Und Sehende auch nicht. Was für Sadisten haben diese Bahn entworfen? O Gott, jetzt lacht die vor mir. Was hat das zu bedeuten? Die hat mir direkt ins Auge geguckt. Wirklich direkt rein. Was, um alles in der Welt, hat das zu bedeuten? Sie spielt sich die ganze Zeit an den Fingern rum. Vielleicht ist die so geil, dass die es nicht mehr aushält. Eine schöne Vorstellung ist das – die Bahn hält einfach noch mal auf den Gleisen an (also auf den Gleisen zwischen den Stationen), wie schon vorher bestimmt zwanzig Mal, wir steigen aus und lieben uns. Ja genau so machen wir das.

Fahre ich jetzt durch und nehme den Bus, oder steige ich Hauptbahnhof um und nehme dann den Bus? Wie man es dreht und wendet, es ist eine ganz unglaublich große Scheiße. Wieder eine Stunde früher tot. Kann man doch so sagen. Eine Stunde, in der man auf nichts außer den Bus wartet, ist doch wie eine Stunde früher tot. Das muss man sich mal vorstellen. Der blöde Typ neben mir tut die ganze Zeit, als ob ich ihm den Platz weggenommen hätte. Ist drei Zentimeter groß, sitzt aber da, als ob ihm der Bus gehört. Beine im 90 Grad Winkel, eine Tasche, die ist größer als er und seine ganze Familie zusammen, und eine Haltung, da muss man schon beim Zugucken kotzen. Ich meine, ich will jetzt nicht von Haltung reden und so, Bundeswehr und so weiter, das ist nicht mein Fall, aber das. Ja dann setz dich doch woanders hin! Noch besser, er steigt aus. Und ich kann mich auf’s Wesentliche konzentrieren.

Die mit den geilen Lippenpiercings ist wieder da. Die hat diesen Blick, diese Wirkung, ein bisschen wie Y.T.. Die Haare so schön streng nach hinten. Es tut mit Leid, aber die will es nicht anders. Die geht Abends nach der Arbeit zu Kink und bekommt eine Public Humiliation.
»Das ist so gut, nach der Arbeit und dem ganzen Stress und so, du lässt dich einfach fallen und lässt es mit dir geschehen. Das ist soo gut!«
Eine verlässt den Bus, die würde so was nie tun. Na, solche Leute muss es ja schließlich auch geben.
»Entschuldigung, würdest du mit mir schlafen?«
»Klar.«
Es tut mir Leid, aber so ist das einfach.

O nein, nur kleine Jungs betreten den Bus. Gibt es etwas Schlimmeres? Der eine ist 16 oder so. Was erlaubt der sich eigentlich? Wie sieht der eigentlich aus? Grausam. Dann macht der seinen iPod an, aber das glaubt man nicht, wie kann aus diesen kleinen Ohrstöpseln eine derartige Scheiße kommen? Die Scheiße, so sieht’s aus. Hat eine Red Bull Dose in der Hand, die ist größer als der rechte Arm von Shaquille O’Neal. Wenn der das austrinkt, explodiert erst sein Gehirn und dann seine Wampe. Prima, und wer macht dann den ganzen Scheiß weg? Vielleicht die Depressive mit den gelbgefärbten Haaren. Die guckt immer so fies. Ich kann doch auch nichts dafür. Mach du’s doch weg, ist doch eh alles eine Scheiße. Die Public Humiliation steigt aus. Mist. Wer steigt eigentlich Ausschläger Allee aus?

Der andere Junge kaut Kaugummi, als ob er einen Boxkampf gegen Vitali Klitschko, oder Wladimir, oder beide, egal, das Gleiche, führen würde. Das ist einfach unbeschreiblich widerlich. Kein Mensch will deine Scheißfresse sehen, mach den Mund zu! Vielleicht kann der andere Junge seine Red Bull Dose entbehren. Vielleicht trinkt er aber auch erst die Dose aus, krabbelt dann in den Mund von dem Jungen und explodiert da. Dann hätten wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Saddam wäre stolz auf uns.
»Florian.«, Lanz.
»Markus.«, David Fitz.
»Kevin wettet, dass…«
»Ich glaube, er schafft es nicht.«
»– du glaubst, der war gut!«
»Markus.«
»…«
»…«
»Gut, ein Mann, ein Wort – auch wenn ich das von dir nicht erwartet hätte. Aber.«
»Markus, auch Jesus ist nur ein Mensch.«
»Dein Wetteinsatz. Und wenn er es doch schafft?«
»Komme ich wieder.«

Danach waren wir alle tot. Alles viel zu viel für eine Busfahrt.