Abluft

Ein so eine Geile sitzt da. Mit so einer Pornosonnenbrille (sind die noch in?). Es ist Sommer. Na ja, nicht ganz. Weiter hinten sitzt eine, ich weiß nicht, ob die Mann oder Frau ist. Sieht irgendwie geil aus. Aber irgendwie auch maskulin. Die mit der Sonnenbrille starrt mich an, weil ich die ganze Zeit auf mein Telefon einschreibe und aufrecht dasitze. Ja, lehne mich nämlich nicht an, weil ich einen nassen Rücken habe. Bin eben arschweit mit dem Fahrrad hergefahren. Ihre verspiegelten Gläser lassen vermuten, dass sie die Augen zu hat. Aber ich seh dich. Du starrst immer noch.

Jetzt sehe ich die, die Mann und Frau ist nicht mehr. Da steht jetzt so ein Deformierter. Sieht ganz traurig aus. Die Augen liegen zu weit auseinander. Froschaugen. Hat etwas von der Mafia. Trägt eine Aktentasche bei sich. Da könnte auch eine Waffe drin sein. Oder ein Kopf. Oder ein Stück Beton, das er braucht, um damit jemanden an einer Kette verbunden im Meer zu versenken. Er trägt ein Einstecktuch. Schick. Farblich mit seinem Hemd abgestimmt. Kann man machen. Auch wenn es sehr konform ist.

Vor mir hat mich eine angehustet. Wenn die das noch E-I-N Mal macht, schlage ich die tot! Die hat sich die Hand davorgehalten. Hat aber nichts genützt. Ihr bakterienverseuchter Atem, ihre speichelgeschwängerte Abluft hat sich direkt in mein Gesicht manifestiert. Ich kotze. Ich hasse. Kann es so schwer sein, sich vernünftig die Hand vor den Mund zu halten?

Sehe schon wieder echt geil heute aus. So mit Weste und so weiter. Kein Wunder, dass die neben mir, die mich an meine erste Ex (meine erste große Liebe – na ja) erinnert, mich die ganze Zeit anstarrt. Auch die mit der Sonnenbrille starrt immer noch. Hat geile, volle Lippen. Die neben mir nicht so ganz. Dafür hat die andere Vorzüge – geile Beine in einer engen Hose (blau, Chino). Die guckt die ganze Zeit auf mein Handy. Ja, guck ruhig, du bist nicht die Einzige für mich. Da gibt es mehr.

Am Ende steht ein Lagerarbeiter. Wenig Haare, schlabberiger Pullover (gestreift), schlabberige Hose, schlabberiges Gesicht. So ein Tim Melzer Bart. Unfassbar. Hat eine ganz knubbelige Nase. Und vor lauter Langeweile hat er jetzt schon einen Buckel.

Hauptbahnhof. Eine steigt aus, die darf es nicht geben. Hat einen Körper, der ist Gott. Ablenken – ich starre einer genau zwischen die Beine – o nein o nein, aber das kann die auch nicht machen. Sitzt breitbeinig da, und hat eine dermaßen enge Hotpants an, dass ich Platzangst bekomme. Oder ihre Yoni viel mehr (kann man das so sagen?). Ansonsten sieht die kackdämlich aus. Enge Augen.

Vor lauter Aufregung hätte ich fast übersehen, dass ich gerade das erste Mal seit mindestens einem halben Jahr eine völlig erholsame Bahnreise hatte. Schön ist das.

Aber – überall nur Studenten. Wo ist die Mafia, wenn man sie braucht?

Einleitung in die menschliche Zivilisation

»In Amerika, das Trinkgeld, das ist da Bestandteil ihres Lohns.«, ein so ein Dicker ohne Haare redet, das versteht kein Mensch.

O nein o nein o nein, o Gott o Gott o Gott – ein Kindergarten. Naaaein! Holt mich, hol mich irgendwer hier raus. Oder ein Blitz vielleicht. Wo ist Thor, wenn man ihn braucht? Naaaein!, ich will noch nicht sterben. Doch! Ich werde sowieso gleich sterben. Die achttausendsiebenmillionen kleinen Stimmen zersetzen mein Gehirn. Oder die Aliens holen mich. Habe da eine Vorahnung.

Ein so ein Supernerd sitzt mir schräg gegenüber. Kein Haarschnitt, keine Frisur, kein Körper und kein Bart. Irgendwas dazwischen. Hat einen Laptop auf seinen kaum vorhandenen Beinen (Schoß). Versucht gerade Einstein zu widerlegen. In allem. Aus Prinzip. So einer ist das. Das muss man sich mal vorstellen. Kann sich kein Mensch vorstellen.

Neben mir sitzt eine pensionierte Lehrerin. Korrigiert immer noch irgendwas. Herrgott, hör doch mal auf damit. Kein Mensch will deine Scheiße mehr lesen. Hör doch auf. Ständig unterstreicht sie was oder streicht was durch oder markiert etwas in einer Geheimsprache. Vielleicht kommuniziert sie auch mit Aliens. Oder sie schreibt eine kleine Einleitung in die menschliche Zivilisation und gibt sie dem Supernerd von gegenüber, der sie auf seinem kaum vorhandenen Schoß direkt ins All beamt. Als eine Laserprojektion für alle, die gerade vorbeikommen.
»Ach so geht die Welt.«
»Sehr interessant.«
»Zerstören.«
»Jawohl.«
Hat alles nichts gebracht. Oder aber der Supernerd hat das genau so gewollt. Hat gedacht, es gibt hier nichts mehr zu holen, was soll das dann noch alles? Aber da hätte er sich doch wenigstens von den Aliens mitnehmen lassen können. Hat er aber nicht. Er steigt aus. Rein kommt eine, die ist ein Model. Die hat Stil. Fein nuanciert geschminkt. Nicht zu aufdringlich. Genau richtig. Hat eine erhabene Art. Das regt an. Von wegen hier ist nichts mehr zu holen.