Y.T. 2!

Ernsthaft, steht so ein arschalter Sack mit so einer arschgeilen Frau in der Bahn. Geil, diese Bus-stopp-Drückdinger kleben wie kleine Furunkel an den Stangen.

Y.T.!

Y.T. ist wieder da (Ausrufezeichen)! Sie redet in einer Sprache, die ich nicht kenne. Sie redet laut und gestikuliert. Mit wem spricht sie wohl? Was erzählt sie gerade? Sie rotzt den Kerl aus der Werkstatt an, dass er so lange für ihr Hover-Board braucht. Und ihren Liebhaber, dass er sich nicht so anstellen soll, wenn sie auch mal mit Frauen schlafen will. Ich bin so aufgeregt, dass ich gar nicht weiß, ob sie es wirklich ist. Aber sie muss es sein. Sie sitzt direkt vor mir, ich berühre sie quasi. Sie hat diese Art. Alle Männer in ihrem Umkreis werden ganz schwach. Und schüchtern. Sonst redet man doch miteinander. Aber mit ihr redet keiner. Alle haben Angst. Sie ist doch erst 16. Alle fühlen sich nicht bereit für diese Frau. Sie ist ganz unruhig. Hat schon lange aufgehört zu telefonieren, aber sie glüht noch nach. Dieser Idiot, was braucht der so lange, was hat er denn, soll er doch einfach mitmachen, gegen einen Dreier habe ich doch gar nichts.
Dann steigt sie aus, und meine Hose beruhigt sich wieder – langsam. So lange habe ich auf diesen Moment gewartet. Und jetzt ist er schon wieder vorbei. Wie das Leben.

Ich steige aus.

Das Vorhersehbare

Ich könnte mal wieder.

Ganz ruhig. Was siehst du? – meine Cousine, mein alter Kommilitone, ein Surfer oder Skater, Sean Lennon, Hamburg im Wandel, Frühling, Sonne, endlich, ein Typ, der lacht alleine, ein Typ, der niest (alleine), mein Cousin, eine aus dem Osten.
Sie sind es alle nicht. Sehen aber alle immer gleich aus. Es gibt acht, neun Typen Mensch – sind alle gleich. Immer wieder blicke ich in immer wieder gleiche Augen an immer wieder gleichen Menschen.
Der eine spielt Handy, der andere iPad. Einer hört Kopfhörer, der andere hält sein Rad. Manche tun alles auf einmal.
Einige lesen ein Buch (zwischen dreitausend und achttausend Seiten), andere gucken aus dem Fenster. Manche schließen die Augen, und andere schauen ins Leere. Viele tun alles, die meisten tun alles und nichts. Sie warten nur. Auf das Ende. Oder weiß der Teufel. Ich muss umsteigen.

Da steh ich jetzt und warte. Der Typ, der aussieht wie mein Freund, verfolgt mich. Ist das dann noch mein Freund? Könnte ja mit mir reden. Tut er aber nicht. Das muss man sich mal vorstellen.
»Der Hurensohn! Dicker, warum sind wir nicht Tiefstack ausgestiegen? Den hätten wir gekrallt!«
»Bülent hat auch ’n krassen Beat auf seinem Handy.«
»Ja Mann!«
Die, die gut aussieht, sitzt ganz vorne. Die, die nicht ganz so gut aussieht, sitzt neben mir. Wie immer, das schöne Leben sitzt weiter vorne.
»Ich kenn das Dicker.«
Da sitzt ja doch eine in der Nähe, die gut aussieht. Es ist aber nicht Y.T., ich hab es für einen Moment gedacht.

Zwei Prolls, ein Verklemmter. Eine Hausfrau, eine Geile. Die Prolls und die Geile steigen aus. Die Hausfrau und der Verklemmte bleiben übrig. Ist doch immer so. Ich meine, man hätte sich doch nur mal vorstellen müssen, was die Hausfrau und die Prolls, oder der Verklemmte und die Geile hätten machen können. Aber irgendwie geschieht immer das Vorhersehbare. Das schöne Leben sitzt weiter vorne. Und jetzt hab ich auch noch runtergeguckt, als die andere Geile ausgestiegen ist (Autokorrektur, die Autokorrektur wollte mir wirklich runtergefickt anbieten – kann ja eigentlich nicht sein, ist aber so –, ich glaube es nicht).

Die neben mir ist geiler, als ich dachte. Die sitzt nämlich nicht mehr neben mir, die sitzt jetzt vor mir. Ich habe mich nämlich umgesetzt. Vielleicht sitzt das schöne Leben ja doch neben mir, und ich muss nur zugreifen. Schließlich lag ja auch nicht ich in dem Krankenwagen vorhin an der Ecke, sondern das weniger schöne Leben.
O Gott, ich bin sentimental. Ich sagte ja, die Sonne scheint.

Und das schöne Leben hat sogar ein Piercing um.

Der barmherzige Samariter

Abgenutzt, wasserstoffblond, Augensäcke bis auf den Boden. Ein Piercing durchbohrt das grobkörnige Gesicht. Er ist jung, kann eigentlich gar nicht sein, ist aber so, das sieht man einfach. Seine Kapuze ist von Pelz umsäumt. Der Pelz ist nicht echt, so sieht der nicht aus. Hat gesehen, dass ich ihn anstarre. Starrt zurück. Scheiße. Seine Augen verströmen eine wohlige Barmherzigkeit. Stichwort der barmherzige Samariter, Florian David Fitz. Schade, dass er weg ist. Ich hätte mich gerne noch ein bisschen bei ihm gewärmt.

»Nächstes Jahr, Digger, ich schwör, wenn Gott will und so, Alter, Digger, ich schwör!«
»Aber, aber…«
»Schwör du Fotze, Alter, ich werde sterben, Mann! Isso, da gibt’s nix zu sagen! Das kommt, von wegen!«, Stichwort Barmherzigkeit. Jesus ist mit dir. Und zwei so kleine, türkisfarbene Zwillinge auch. Weiß der Teufel, was die da wollen.

Der Bus fährt mir fast vor der Nase weg. Warum soll der bloß sterben? Eine riesige Frau erdbebt an mir vorbei, will unbedingt einen Sitzplatz. Ich habe keine Chance. Aber ich will auch nicht. Schließlich hat mich der barmherzige Samariter eines Besseren belehrt. Ruhe. Frieden. Liebe. Gönn ihr doch einfach mal den Platz. Vielleicht stirbt sie auch bald.
»Carola, Dennis, ihr habt lange nichts voneinander gewußt. Lange habt ihr einander gesucht. Und lange musstet ihr auf diesen Moment warten. Aber heute ist es Wirklichkeit geworden: Ihr habt euch gefunden und wollt gemeinsam die Pforten des diesseitigen Lebens hinterlassen, um euch nun endlich, mit voller Leidenschaft dem Tod widmen zu können.«, Kai Pflaume oder wie der heißt (der erfüllt doch immer so Wünsche, oder?).
»Ja, ja, das wollen wir!«, unisono.
»Und hier ist noch eine Überraschung. Als Ehrengast dürfen wir nun, meine Damen und Herren, den unvergleichlichen, den unverwechselbaren, den einzigartigen Tod begrüßen. Florian, du hier, das war ein Stückchen Arbeit. Aber es ist uns geglückt. Was möchtest du unserem Paar mit auf den Weg geben?«
»…«, ein eisiger Wind haucht durch den Saal, und alle sind tot.

So wird es also sein. Die beiden tun mir Leid, aber ich kann da ja auch nichts dafür. Kai Pflaume war noch nie so mein Fall. Die schöne Blonde kommt wieder rein. Sitzt weit weg. Wie schade. Und auch ihre Freundin ist nicht dabei. Und Y.T. habe ich auch lange nicht mehr gesehen. Herrje, ist das alles wieder schlimm. Dafür sind zwei blonde Kerle da. Na gut, die sehen auch nicht schlecht aus. Sind aber eineiige (hat jemals schon wer dieses Wort geschrieben?) Zwillinge. Beide dunkel, beide Stiefel, Apple-Kopfhörer (Earphones), Seitenscheitelundercut, Beine überkreuz, Röhrenjeans (kein Garant für Sex), Dubstep. Furchtbar. Unwort des Jahrtausends. Wer hört denn sowas? Muss man sich mal vorstellen, kann sich kein Mensch vorstellen. Spielen die ganze Zeit an ihren iPhones rum. Facebook, iGames (gibt es die Scheiße, ich kenne mich mit Spielen nicht so aus), und so weiter – ich glaube es nicht, die kennen sich gar nicht. Steigt der einfach aus, ohne ein Wort zu sagen. Das sind ja gar keine Zwillinge. Doch, das kann nicht sein.
Es waren einmal zwei Brüder, die sahen sich zum Verwechseln ähnlich. Sie aßen gleich, sie tranken gleich, ihre Haare schienen gleich, und auch der Klang ihrer Stimme war gleich.
Doch es kam ganz anders.
Ach lassen wir das.